Über Chopin, Rachmaninow und mich. Und über Beethoven. Teile II und III. / About Chopin, Rachmaninoff and me. And about Beethoven. Parts II and III.
[English version where you might expect it]
II
Ich folgte der chronologischen Linie, und ich war mittlerweile hör-geschult an Beethoven. Chopins Klavierkonzerte hatten interessante Stellen und hübsche Einfälle, aber sie schlossen sich nicht zu einem Konzert wie bei Mozart und Beethoven, wo die Parts für Orchester und Solist ineinander greifen, sich aufeinander beziehen, miteinander interagieren. Chopin schrieb mehr für das Klavier, das Orchester blieb Stiefkind, die musikalische Entwicklung beschränkte sich auf kurze Passagen, und manche der Übergänge zwischen Episoden empfand ich schlicht als misslungen.
Nicht jeder Pianist muss komponieren können, nicht jeder Klavierkomponist muss auch für Orchester schreiben können, das ist klar. Chopin war sicherlich ein hervorragender Spieler, und es gab keine Stücke direkt für ihn, wenn er sie sich nicht selber schuf. Außerdem wollte er reüssieren, berühmt sein und Geld verdienen. Ob er – wie später Rachmaninow – ein Angebot zur Festanstellung ausschlug oder nicht, spielt dabei eine untergeordnete Rolle, denke ich. Chopin schrieb weitestgehend für ein bestimmtes Publikum, das ihm huldigte. Wie weit er damit von seinem persönlichen Geschmack abwich, weiß ich nicht.
Ich kehrte zu den Nocturnes zurück. Sie waren noch immer süß, aber jetzt kamen sie mir auch süßlich vor. Mein Geschmack hatte sich verändert. Außerdem glaubte ich nun, eine gewisse Gefallsucht aus ihnen heraus zu hören, einen Hang zum Kitsch. Ich hörte mir mehr Klavier-Solo-Musik von Chopin an, und irgendwann entdeckte ich seine Impromptus. Diese sind von den Nocturnes so weit entfernt und in sich so stimmig und gut komponiert, dass mir regelrecht Angst wurde um Chopin: hatte er sich aus wirtschaftlichen Gründen verbogen, geglaubt verbiegen zu müssen? Dazu müsste ich mich mit der Biographie von Chopin beschäftigen, wozu ich bisher noch keine Initialzündung verspürte.
III
Gehen wir aber weiter in der Chronologie meines Samplers mit Klavierkonzerten. Ich gelangte zu Rachmaninow. Sein erstes (dort vertretenes) Klavierkonzert empfand ich als virtuos, dabei aber vor allem harmonisch schwülstig und aufdringlich. Sein zweites (dort vertretenes) Klavierkonzert bescherte mir ein einzigartig gebliebenes musikalisches Erlebnis: Nach den ersten acht oder zehn Takten war mir so schlecht, als hätte mir jemand in den Magen getreten. Ich musste sofort ausschalten (glücklicherweise war ich nicht in einem Live-Konzert!) und mich dann rasch hinsetzen (damals hörte ich Musik fast ausschließlich im Stehen an: größere Aufmerksamkeit).
Was war geschehen? Der Gestus dieser Musik, die ausladende, mich vereinnahmen-wollende Bewegung, hatte mich getroffen wie eine Überschwemmung mit Sentimentalität, auf die ich überhaupt nicht vorbereitet war. Wäre ich ein bisschen angeschickert gewesen oder in einer Stimmung eigener Sentimentalität, hätte mich diese fremde Gefühlswoge sicherlich weniger mitgenommen. So aber blieb eine Abneigung wie gegen einen sehr starken, aber nicht geschätzten Schimmelkäse.
Dieses Wort ist jetzt mit einigem Bedacht gewählt, und es soll nicht despektierlich verstanden werden. Worauf ich hinauswill, ist, dass bestimmte Käsesorten als Delikatesse gelten und sehr teuer sind, aber dennoch nicht jedem schmecken und bei manchem Übelkeit verursachen können.
Um Rachmaninow habe ich seither denselben Bogen gemacht wie um Roquefort. Dieser Bogen war vielleicht etwas zu groß, und darauf hat mich jetzt der eingangs erwähnte Herr Leroy gebracht. Ich werde mir die Préludes mal anhören, zumindest es versuchen. Vielleicht gerade im Vergleich mit denen von Skrjabin, einem erklärten Gegenspieler Rachmaninows.
Ich selbst darf an dieser Stelle vielleicht anregen zu den 24 Präludien und Fugen, die Schostakowitsch in Auseinandersetzung mit dem „Wohltemperierten Klavier“ von J.S. Bach geschrieben hat, ihrerseits zwei Sammlungen von je 24 Präludien und Fugen. Über verschiedene Interpretationen und Einspielungen kann ich hier nichts sagen, außer dass diejenige von Keith Jarrett mir zusagt und auch allgemein große positive Resonanz gefunden hatte bei ihrem Erscheinen vor rund dreißig Jahren.
Keith Jarret ist übrigens nicht erfreut darüber, dass er immer wieder mit seinem „Köln Concert“ konfrontiert wird, welches er nicht für seine beste Leistung hält und in dem er sich reduziert sieht auf einen Rumfantasierer. Möglicherweise ginge es Chopin ähnlich, wenn ihm seine als Unterhaltungsmusik gedachten Nocturnes ständig für typisch vorgehalten würden?
Und wem Schostakowitschs Präludien und Fugen nicht lyrisch genug sind, der möge sich vielleicht mal den Préludes von Debussy zuwenden oder der Klaviermusik von Ravel.
II
I followed the chronological line, and by now I was trained to listen by Beethoven. Chopin's piano concertos had interesting passages and pretty ideas, but they did not merge into a concerto like Mozart's and Beethoven's, where the parts for orchestra and soloist intertwine, relate to each other, interact with each other. Chopin wrote more for the piano, the orchestra remained the stepchild, the musical development was limited to short passages, and I found some of the transitions between episodes simply unsuccessful.
Not every pianist has to be able to compose, not every piano composer has to be able to write for orchestra, that is clear. Chopin was certainly an excellent player, and there were no pieces directly for him unless he created them himself. Besides, he wanted to succeed, be famous and earn money. Whether or not he turned down an offer of permanent employment - as Rachmaninoff did later - is of secondary importance, I think. Chopin wrote largely for a specific audience that paid homage to him. How far he deviated from his personal taste in doing so, I don't know.
I returned to the Nocturnes. They were still sweet, but now they seemed sweet to me too. My taste had changed. Moreover, I now thought I could hear a certain complacency in them, a tendency towards kitsch. I listened to more solo piano music by Chopin, and at some point I discovered his Impromptus. These are so far removed from the Nocturnes and so coherent and well composed that I was downright afraid for Chopin: had he bent, believed he had to bend, for economic reasons? For that, I would have to deal with Chopin's biography, for which I have not yet felt the initial spark.
III
But let's move on in the chronology of my sampler of piano concertos. I arrived at Rachmaninoff. I found his first piano concerto (represented there) virtuosic, but above all harmonically turgid and obtrusive. His second piano concerto (represented there) gave me a musical experience that has remained unique: after the first eight or ten bars, I felt so sick as if someone had kicked me in the stomach. I had to switch off immediately (fortunately I was not in a live concert!) and then quickly sit down (at that time I listened to music almost exclusively standing up: greater attention).
What had happened? The gesture of this music, the sweeping, take-me-over movement, had hit me like an inundation of sentimentality for which I was not at all prepared. If I'd been a little more prepared or in a mood of my own sentimentality, I would certainly have been less affected by this strange wave of emotion. But as it was, I was left with an aversion like that to a very strong but unappreciated blue cheese.
Now this metaphor is chosen with some deliberation, and it is not meant to be disrespectful. What I am getting at is that certain cheeses are considered delicacies and are very expensive, but nevertheless do not taste good to everyone and can cause nausea in some.
I have since given Rachmaninoff the same wide berth as Roquefort. This was perhaps a little too much of a runaround, and the aforementioned Mr. Leroy has now brought me to this conclusion. I will listen to the Préludes, or at least try to. Perhaps in comparison with those of Scriabin, a declared adversary of Rachmaninoff.
At this point, I myself might suggest the 24 Preludes and Fugues, which Shostakovich wrote in response to J.S. Bach's "Well-Tempered Clavier", two collections of 24 preludes and fugues each. I can't say anything about the various interpretations and recordings here, except that the one by Keith Jarrett appeals to me and also received a generally positive response when it appeared some thirty years ago.
Keith Jarret, by the way, is not pleased that he is repeatedly confronted with his "Köln Concert", which he does not consider to be his best performance and in which he sees himself reduced to a fantasist. Perhaps Chopin would feel the same way if his nocturnes, intended as light music, were constantly held up as typical?
And if Shostakovich's Preludes and Fugues are not lyrical enough for you, you might want to try Debussy's Préludes or Ravel's piano music.
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Nebenbei (und weil ich gerade auch die Kommentare unter deinem ersten Post gelesen habe): Die "Vereinigung" der beiden (letzten) Teile gefiel mir gut. Die Menge kann man gut verdauen ;-)
Ich bewundere die Intensität, mit der du dich damit auseinandersetzt. Ich habe auch schon viele Stücke gehört, wenn mir stimmungsmäßig danach ist. Manchmal sind es eher die Streicher, manchmal das Klavier, manchmal eher Orchester... Ich könnte jedoch (außer vielleicht bei den weitläufig bekannten Stücken) wahrscheinlich nur zu wenigen Stücken auch die Komponisten benennen.
Weil ich die klassische Musik (wie auch andere Musikrichtungen) eher als Unterhaltung sehe, bevorzuge ich eher "leicht verdauliche" Kost (im musikalischen Sinne :-). Wir haben mal in einem philharmonischen Konzert etwas von Prokowjew gehört (ich kann dir nicht sagen, was genau)... seitdem meide ich ihn eher :-( Klar, ist das möglicherweise etwas vorschnell, aber auch da spielen wie in vielen Bereichen eben Ersteindrücke, die damalige Stimmung und natürlich auch die Künstler eine Rolle...
Auf jeden Fall sehe ich deinen Beitrag aber gleichwohl als Anregung, mal wieder gezielt nach den von dir benannten Künstlern ein Musikstück Ausschau zu halten... und reinzuhören... Danke!
Classical music often demands a good deal of time from the listener. For some composers and performers, I also tend to move on quickly. There's so much good stuff, that I don't want to risk my time on something I'm not sure about.
Das stimmt!
But, why are you replying to such an old comment? I had to first read up on what your reply was referring to :-)
lol. Sorry about that. Thoth found it, so it was new to me. I should've mentioned that. ;-)
Hi, I just found this post from Thoth, here. I'm sorry I missed it when you posted, but I'm glad I stumbled on it 5 years later.
I never actually enjoyed classical music until @cmp2020 (my son) studied piano and composition as a student. Classical music grew on me after that, though, and now I enjoy much of it, especially from the Baroque era. I'll take Bach or Vivaldi over today's "pop" - 100%.
On the pianists you mention, I enjoyed Chopin when @cmp2020 was working on those pieces. Debussy, not so much, though. Not sure if I ever listened to much by Rachmaninoff, Shostakovich or Ravel. IIRC, Rachmaninoff had an advantage over many pianists because his fingers were quite long, and he took advantage of it in his compositions. He intentionally wrote compositions that most other pianists of his time couldn't play because of their shorter finger-span.
100% of author rewards to the original author.
Wunderbar... ;-))
Um so qualifizierte Vergleiche zwischen den Komponisten und Interpreten zu ziehen, habe ich nicht genug Ahnung und ich glaube, auch kein ausreichend musikalisches Gehör. Ich mag die Stücke und ihre Interpretationen, kann mich dann auch drauf einlassen und teilweise Gefühle empfinden, oder ich mag sie nicht. Körperliche "Qualen" erlitt ich beim Musikhören noch nie, habe aber schonmal ein Konzert mit moderner Klassik (weiß gar nicht mehr, wer das war), verlassen - mir war leicht unbehaglich.
Bach habe ich sehr gern, wobei ich mehr auf seine Streichmusik stehe. Die Cello-Solo-Suiten sind unschlagbar.
Das Wohltemperierte Klavier? Bin ich ein Banause, wenn ich dies am liebsten als Jazz-Interpretation von Jaques Loussier höre?!
LG Chriddi
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