Von Mut und Angst - ein paar mehr oder weniger geistreiche Gedanken

in #deutsch8 years ago

Immer wieder in meinem Leben sagen mir Menschen, wie mutig ich sei und jedes Mal denke ich, wenn du wüsstest, wie feige ich in Wahrheit bin.

Lange habe ich darüber nachgedacht, was Mut genau ist und woran wir ihn erkennen. Was unterscheidet Mut von Dummheit, Naivität, Risikobereitschaft, oder gehört das alles irgenwie zusammen? Gibt es das Eine ohne das Andere? Ist Mut nicht immer mit der Bereitschaft verbunden und verlangt dazu den Vertrauensvorschuss, dass es sich lohnen wird?

Mut, ich versuche dich zu fühlen, den Tiger in meinem Herzen zu spüren und ihn frei zu lassen. Eines scheint mir sicher, Mut und Angst sind Zwillinge, untrennbar. Wer keine Angst hat, empfindet keinen Mut. Etwas zu Riskieren ohne Angst, ist nicht mutig. Oder doch?

Als Kind empfand ich Mut als eine Art externer Booster.
Wenn ich mich ängstlich fühlte, stellte ich mir einen riesigen Tiger vor, der neben mir steht. So einer der mir bis zum Ellbogen reicht und der jeden in Stücke reißt, der sich mir ungefragt nähert. Ich malte mir aus, der Tiger wäre ein geistiges Wesen das, ähnlich wie in einem Spiel, die Energieleiste des Gegners attackiert, bis dieser handlungsunfähig ist.

So fühlte ich mich stark und mutig, fixiere meinen Feind mit offenem Blick und spürte die Energie des Krafttieres unter meiner Handfläche kribbeln. Ich muss so verstörend gestarrt haben, dass die Kinder automatisch Abstand hielten und ich kam mir vor, wie ein ziemlich mächtiger Magier, mit seinem unsichtbaren Gefährten.

Heute erkenne ich den Mut und diese Energie mehr in mir, in meinem Charakter und meiner Seele. Ich fühl den Tiger als Teil von mir, hab aber gelegentlich durchaus Spaß daran, mit meiner sehr ausgeprägten Fantasie zu spielen.

Aber zurück zur Frage, wann handle ich mutig und macht das überhaupt Sinn?

Das was Andere bei mir als mutig erkennen, kommt bei mir immer aus einer Situation heraus, in der ich mich gar nicht als mutig empfinde. Natürlich steckt eine gewisse Energie hinter den Entscheidungen, die ich in dem Moment treffe aber auch emotional eine deutliche Klarheit. Ich weiss rational, ich hätte eine Wahl aber emotional und für meinen Lebensweg, fühlt es sich keinesfalls danach an.

Als ich vor vielen Jahren meine Ausbildung abbrach, kurz vor Ende, die Schweiz verließ, um mich selbstständig zu machen, sagten viele, sehr mutig Rachel. Die meisten wollten vermutlich eher sagen, voll dumm Rachel, waren aber zu höflich dafür.

Ich wusste mit absoluter Klarheit, dass ich den Weg nicht weiter gehen werde und ich habe diese Entscheidung nie bereut. Ich konnte mich immer selber finanzieren und habe durch diesen Weg Menschen getroffen, die ich Liebe und die zu mir gehören als meine Familie.

Wäre der Plan schief gegangen und ich arbeits- und ausbildungslos zurück in die Schweiz gekommen, hätte man meinen Mut als Dummheit und Naivität ausgelegt.

Als ich all mein Hab und Gut verkaufte, meine Jobs kündigte und mit meinem Mann aufbrach nach Bangkok aufbrach, nur mit einem Hotel für 4 Nächte und 10.000 Euro auf dem Konto, sagten viele wieder, boa, mutig. Und die meisten davon meinten mit Sicherheit, krass wie naiv und leichtsinnig. Doch ich hab diese Entscheidung keine Sekunde bereut und würde auch diese immer wieder treffen.

Und jetzt, mach ich mich auf, mein äußeres an mein inneres Geschlecht anzugleichen, habe meine Ehe beendet und riskiere wieder alles. Viele sagen, wie mutig, und einige werden auch hier wieder denken, wie bescheuert.

Doch der Punkt ist, ich hatte nie eine Wahl. Wäre ich in der Schweiz im Job geblieben, ich wäre so unglücklich gewesen. Es hätte mich viel mehr Kraft gekostet, dortzubleiben als zu gehen. Mir fällt generell gerade auf, dass all diese Dinge, bei denen man mir sagte, ich sei mutig, etwas mit gehen zu tun haben.

Wobei das ja auch ein Stück weit klar ist. In einer Situation zu bleiben in der man schon ist, erscheint uns selten mutig. Darüber muss ich mal nachdenken, denn es kann durchaus mutig sein, wenn man bleibt, finde ich. Vielleicht gibt es sogar Situationen in denen bleiben viel mehr Mut erfordert als zu gehen.

Ok, jemand den ich sehr lieb habe, würde jetzt sagen, Rachel, hör auf zu plappern und komm zum Punkt. Aber irgendwie, finde ich den gerade nicht.

Also, ich glaube, das meiste in unserer Gesellschaft erfordert gar nicht so viel Mut. Eher Charakterstärke, Willenskraft, Begeisterung, Tatendrang und Vertrauen. Außerdem scheinen mir diese Adjektive immer mit dem Betrachter zusammen zu hängen, des einen Mut kann des Anderen Dummheit sein.

Im Leben gibt es nur einen Weg für mich, den nach vorne.
Es ist für mich unmöglich nicht vorwärtszugehen und zu versuchen, glücklicher, leistungsfähiger, bereichernder, witziger, verzeihender, wohlwollender, großzügiger, disziplinierter, sportlicher, freundlicher usw. zu werden. Und manchmal bedeutet das, zu gehen oder zu stehen, obwohl ich Angst habe. Bin ich deswegen mutig? Vielleicht ja aber hinter jeder mutigen Entscheidung, stecken auch alle anderen Facetten des Lebens.

Seid ihr mutig?

Trefft ihr genauso gerne solche Entscheidungen wie ich oder bleibt ihr lieber in der sicheren, warmen Stube und riskiert nicht zuviel, wegen all der Dinge, die man verlieren könnte?

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(Bildquelle Pixabay CC0 Lizenz)

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Mein lieber Räitscheel,
der Mut dieses Textes ist ja, gar nicht auf deinen eigentlichen Mut einzugehen...
Den wichtigsten Dreizeiler überfliegen die meisten...
Mutig? Authentisch? Ehrlich?
Bitte, mein Lieber... normal sage ich "Frage dich selbst..." Das musst du schon lange nicht mehr! Du brauchst niemanden, der den "Mut" bestätigt.
Welchen Mut? Den "Mut", du selbst zu sein?!
Jo. Hut ab, Hut ab! Das ist wirklich mutig und ein langer Weg, der jeden von uns lange, meist länger als Rachel, begleitet: MUT, sich selbst zu sehen, selbst zu fühlen!

Danke :)

Stimmt, zu sich selbst zu stehen, 100% ist echt ne mega Herausforderung, seh ich auch so. Was ich lerne, die Menschen respektieren es, wenn man einfach bei sich ist, klar und echt.

Außerdem scheinen mir diese Adjektive immer mit dem Betrachter zusammen zu hängen, des einen Mut kann des Anderen Dummheit sein.

Das kann ich absolut unterstreichen. Für andere stehst du mutig da und verfolgst genau das was dich weiterbringt und glücklich macht.

Und definitiv sehe ich dich aus meiner Perspektive als mutig! Das hat gar nicht soviel mit dem was du tust und warum zu tun. Sondern eher mit der Klarheit und dem unbeirrten Weg den du gehst.
Du setzt dich mit den Dingen die dir wichtig sind so lange auseinder bis du zu einem Punkt kommst und wenn du keinen Punkt findest bleibst du dran. Du setzt dich nicht ins "gemachte" und "sichere" Nest und bist damit unglücklich. Viele andere machen das aber so.
Ich schließe mich dabei nicht aus. Es ist leichter das zu behalten was man hat, als alles aufs Spiel zu setzen und das zu machen was man will.

Ich ziehe für mich aus solchen Beispielen einen riesen Gewinn. Unter anderem den eigenen Mut zu finden etwas bei mir zu verändern.
Zu überlegen was ich nicht alles nicht will sonder herauszufinden warum ich es nicht will und was ich stattdessen will.

Du bist defintiv jemand den man als Vorbild sehen kann und das noch mit einer unglaublich Lieben Art. :)

Das gemachte und sichere Nest....bhu, da könnte ich mich nie reinsetzen. Ich könnte keine Stunde bleiben, würde mich viel zu unwohl fühlen. Ich steh auf die Herausforderung, is vielleicht etwas masochistisch :D Ich brauch das sonst spür ich nicht mehr, dass ich lebe. Das inspiriert mich jetzt direkt zu einem Artikel :D

Hör auf dein Herz, dass weiss was gut ist und wenn du darauf vertraust, ergibt sich das Leben und die richtigen Dinge werden dir zufallen.

Danke Liebes <3

Wer nichts wagt kann nicht wachsen.

Absolut, man wächst ja genau da, wo die Angst wohnt :)

Hallo Rachel, vielen Dank für den tollen Text. Du hast die Zeilen sehr offen geschrieben und teilweise kann ich nachfühlen. Vor 1 Jahr haben wir als Familie entschieden, die Schweiz zu verlassen und viele Leute konnten uns nicht verstehen. Sie wollten uns teilwese sogar spüren lassen, dass wir naiv sind - wie kann man doch nur mit Famile. Wir haben den Entschluss niemals bereut! Alles Gute dir, ich werde definitiv mehr von dir lesen wollen!

Ja, manchmal muss man einfach seine eigenen Wege gehn und wenn das seltene Wege sind, haben alle anderen Angst. Ich finde, genau diese Wege lohnen sich am meisten :)

Manchmal hat man keine andere Wahl als mutig zu sein. Wieder sehr wahr.
Ich beschreibe das manchmal mit einem Zelt, das man im Orkan aufbauen muss. Wie unfair ! Es kann doch eigentlich nicht klappen. Aber die Alternative wäre, ganz ohne Schutz zu sein. Dann lieber für die richtige Sache kämpfen. Sich für sich selber einsetzen. Auch wenn es schwierig und mutig ist. Du hast da für dich den Bereitwilligkeitsschalter radikal umgesetzt. Was ich richtig finde.

Ja stimmt, den Bereitwilligkeitsschalter, das is cool :D

Schön geschrieben, Rachel,
und ich freue mich, hier jemandem zu begegnen, der sich ähnliche Gedanken macht wie ich :D
In meiner Welt verbinde ich Mut immer mit Bewegung. Damit ist gar nicht ein "von etwas weg" oder "zu etwas hin" oder gar "bleiben" gemeint. Ich sehe es als ein "ins Bewegen kommen" mit einer Entscheidung. Mit meiner eigenen Entscheidung, denn den Mut fühle ich in mir selbst. Völlig unabhängig vom Feedback anderer. Wenn andere sagen "das ist aber mutig" hat das nichts mit mir zu tun, sondern mit dem anderen der sein eigenes Gefühl zu meiner Entscheidung hat. Hach, bei solchen Themen könnte ich ja stundenlang - ok, ich tu´s nicht :D Danke für deinen Beitrag und für´s Stimulieren meiner Denkprozesse :D

Liebe Grüße..!

Hehe ja, ich mag solche Themen total gerne :)
Kannst gerne in den Discord kommen und dort mal philosophieren :D
https://discord.gg/MvBkfH

Ja, viele wollen nicht aus ihrem Wohlfühlbereich. Dann versuchen manche Menschen ihre Unsicherheit und Ängste auf das gegenüber zu übertragen. Als ich mich von Deutschland aus in Richtung Asien aufgemacht habe, durfte ich mir alles mögliche anhören.

Die haben dies nicht und jenes nicht... Stimmt. Dafür gibt es was anderes. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Besser als nacher zu sagen "Och, hätte ich doch mal".

Ich denke wir sind nicht dann mutig wenn wir es sein wollen, sondern dann, wenn wir wirklich etwas wollen. Der Mut kommt von alleine.

Hehehe jaaa, kenn ich irgendwie, war bei uns genauso. Was da in Asien so alles passieren könnte täte sollte..nix is passiert :D

Ja stimmt, mut hat man oder nicht :)

Mut ist es, der elendig winselnden Kreatur in einem aufzuzeigen das man nicht von ihr beherrscht wird, sondern sich auch zu Entscheidungen durchringen kann die einem selbst oder anderen nicht genehm sind.
Oftmals überschreitet man Grenzen, die eigenen oder die der anderen, was dann häufig mit "Du bist entweder dumm oder mutig ...oder beides" kommentiert wird.
Viele vergessen dabei, wie stark die Angst einen schon im Griff hat und begnügnen sich damit, von ihr den Bauch gepinselt zu bekommen.
Ohne den Mut weiter zu machen und sich nicht einschränken zu lassen, wären die grossen Seefahrer zuhause geblieben, welche zB die Kultur der Maori begründeten oder als die Wikinger Amerika entdeckten.
Den Mut zur Selbständigkeit muss man entdecken, entweder aus einer Notwendigkeit heraus oder weil man fühlt sich unterdrücken lassen zu müssen und aus dem Käfig auszubrechen der einen umgibt. Das können persönliche oder auch gesellschaftliche sein.
Wichtig ist dabei nicht aufzugeben und an sich zu glauben, deswegen wünsche ich dir bei deinen Unternehmungen viel Erfolg und Glück in der Zukunft.

Was für ein toller Kommentar, wirklich super, ich danke dir dafür. Sehr starke Worte!

Ich wünsche dir ebenfalls viel Erfolg und alles Glück der Welt :)

Nun ja das Thema Mut. Kommt drauf an. Als auf deine Frage im Abschluss zu kommen. Ich bleib lieber in meiner sicheren Welt zum einen, wage aber auch neues, mit der Sicherheit im Backround. Ich kenne auch einige Leute, die zum Beispiel mal für ein Jahr oder mehrere einfach abhauen nach Neuseeland oder weis der Geier wohin, brechen dabei aber alle Segel hier ab. Das könnte ich zum Beispiel gar nicht. Mal nen Jahr abhauen, kein Ding, aber nur mit der Gewissheit, wenn ich heim komme... 1 Wohnung ist noch da, Job ist noch da oder kann wieder eingestiegen werden etc. Ich glaub das ist eben alles eine Frage der eigenen Definition.

Gruss

Alle Segel abbrechen ist ein dehnbarer begriff. Ich hab zwar das materialistische Segel abgebrochen, die Menschen aber nicht verlassen. Ich gebe sehr viel acht auf meine Sozialkontakte, meine Lieblingsmenschen sind alles für mich, am Ende des Tages sind sie mein Leben. Bei ihnen finde ich jede Sicherheit die ich im Leben brauche :) Eine Wohnung und ein Job, bedeutete mir nicht viel an Sicherheit.

Ich versteh aber deine Gefühle und ich glaube, so geht es vielen.

@asperger-kids Ich bin da genauso wie du. Habe ebenfalls schon des Öfteren solche Entscheidungen getroffen und ich bereue keine Einzige daovn. Im Gegenteil! Nur so komme ich weiter auf meinem Weg. Im Nachhinein fühlt es sich soooo so richtig an weil sich alles irgendwie immer wie ein PuzzleStück zusammen fügt. Als müsste alles genau so sein. Ich glaube es hat was mit Selbstliebe zu tun. Wenn man merkt das man noch nicht angekommen ist, die Seele noch nicht "zu Hause" ist, dann finde ich es nur richtig weiter zu ziehen. Sich weiter zu entwickeln und der Seele das zu geben was sie will und braucht für die Entwicklung. Andere haben das vielleicht nicht oder fühlen es nicht. Weiß nicht. Aber ich stimme dir voll zu. Ich wäre auch mega unglücklich geworden wenn ich manche Situationen einfach so belassen hätte. Und ja es gab immer diese Personen die sagen wow wie mutig. Angefühlt hat es sich wie du sagst wie wow bist du naiv. :) Du sprichst mir aus der Seele! LG

Ja genau, alles fügt sich am Ende zusammen wie es sein muss, so erlebe ich das auch.