Morgen, ganz sicher

in #deutsch3 days ago (edited)

Ich werde 61.

Wer mich kennt, weiß, was das bedeutet. Die Krankheit ist wieder da. Sie war ein paar Jahre höflich, hat sich zurückgehalten, hat mir ein Hoch geschenkt, das ich einem Arzt verdanke, der selbst nicht mehr lebt. Und jetzt kommt sie zurück. Leise, langsam, von Tag zu Tag etwas selbstverständlicher. Der Atem wird kürzer. Der Weg vom Bach hoch zur Hütte länger. Das Aufstehen morgens braucht eine Weile, in der ich nicht weiß, ob das alles gerade noch geht oder ob heute der Tag ist.

Ich liege in der Hütte in Finsterbergen, der Bach läuft draußen über die Steine, der Ofen ist runtergebrannt bis auf die letzte Glut, und ich denke an etwas, das ich noch nie ausgesprochen habe.

Ich wäre gerne noch einmal fünfunddreißig.

Nicht für ein neues Leben. Nicht für eine zweite Karriere. Nicht für mehr Zeit. Nur für einen Tag. Einen einzigen Tag, an dem ich noch einmal in dem Körper aufwache, der damals zwölf, vierzehn Stunden am Tag gearbeitet hat, sieben Tage die Woche, und dabei noch gegrinst hat, weil das Geld floss und das Geschäft brummte und ich felsenfest glaubte, jeder Tag, den ich opfere, sei ein Pfand auf später.

Auf später. Auf irgendwann. Auf morgen, ganz sicher.

Ich schließe die Augen.

Es ist nicht so, wie ich es gedacht hätte. Ich bin nicht plötzlich in einem fremden Bett, in einem fremden Zimmer, in einem fremden Leben. Ich bin in unserem Bett, in unserem Schlafzimmer, in dem Haus, das wir erst vor kurzem gekauft hatten und das überall noch eine einzige große Baustelle war.

Ich erkenne es sofort am Licht. An den hohen, nackten Wänden, an denen wir Schicht um Schicht alte Tapeten abgezogen hatten, bis der ursprüngliche Putz wieder zum Vorschein kam. An den abgedeckten Möbeln, an den Folien auf dem Boden, an dem Geruch nach Zementstaub und frischem Holz und ein bisschen nach Farbe, die irgendwo in einem anderen Zimmer noch nicht ganz durchgetrocknet ist.

Ich fasse mir an die Brust.

Da ist nichts. Kein Druck, kein Ziehen, kein leises Stechen, das mich mahnen würde, langsam zu machen. Da ist nur ein Brustkorb, der atmet, ohne dass ich an ihn denken muss. Ich weiß nicht mehr, wie lange das her ist, dass ich nicht an meinen Brustkorb gedacht habe.

Ich stehe auf.

Im Spiegel im Bad sieht mich ein Mann an, den ich beinahe nicht mehr erkenne. Dunkles Haar, ein bisschen wirr, unrasiert, die Augen wach und ein bisschen rot, weil er gestern wieder bis um zwei in den Geschäftsbüchern gesessen hat. Es ist der Mann, der ich war, bevor das Leben anfing, mir die Rechnung zu schreiben.

Und ich weiß, dass ich nur diesen einen Tag habe.

Ich weiß es so klar, wie man im Traum manchmal Dinge weiß, ohne dass irgendjemand sie einem gesagt hat. Heute ist der Tag. Morgen wache ich wieder auf, und es ist der Bach in Finsterbergen, der über die Steine läuft, und der Ofen, der runtergebrannt ist.

Also gut.

Ich gehe durch den Flur, an dem die letzten Bahnen alter Tapete noch hängen, an einem Eimer mit Spachtelmasse vorbei, an einer Leiter, die seit Tagen genau dort steht, wo der Maler sie zuletzt abgestellt hat. Aus der Küche höre ich Geschirr.

Manuela ist schon wach, wie immer. Sie hat den Kaffee aufgesetzt auf der kleinen elektrischen Kochplatte, die wir uns als Provisorium hingestellt haben, bis die neue Küche eingebaut ist — der Schreiner kommt nächste Woche, sagt er seit drei Wochen. Es riecht nach Brot und Butter und nach diesem wachen, frühen Morgen, den ich damals durchgehetzt habe wie einen Streifen Asphalt zwischen Bett und Auto.

Heute nicht.

Heute setze ich mich an den improvisierten Tisch, eine Arbeitsplatte auf zwei Böcken, weil der richtige Esstisch noch in der Schreinerei steht und auf seine letzten Beizgänge wartet. Ich schaue ihr zu. Wie sie die Tasse hinstellt. Wie sie das Brett aus dem provisorischen Schrank nimmt. Wie sie eine Strähne hinters Ohr streicht — eine kleine Bewegung, die ich tausendmal gesehen und nie wirklich angesehen habe.

Manuela merkt, dass etwas anders ist. Sie schaut mich an, etwas länger als sonst, und fragt, ob alles gut sei.

Alles gut, sage ich.

Und es stimmt sogar. Für diese eine Sekunde, in dieser improvisierten Küche, in diesem halbfertigen Haus, in diesem einen Morgen, der vor sechsundzwanzig Jahren stattgefunden hat und den ich verschlafen habe, obwohl ich wach war.

Dann höre ich seine Schritte.

Daniel.

Mein Junge. Er kommt in seinem Schlafanzug aus dem Kinderzimmer, das auch noch nicht fertig ist, in dem aber wenigstens schon das Bett steht und die Tapete an einer Wand klebt. Die Haare stehen wirr in alle Richtungen. In der Hand hat er irgendetwas, das er heute zum hundertsten Mal mit sich herumträgt — ein Auto vielleicht, ein Plüschdings, ich kann es im Traum nicht genau sehen, weil mein Blick verschwimmt, sobald er den Raum betritt.

Er bleibt vor mir stehen.

Er sagt nicht „Guten Morgen". Er sagt nicht „Hast du gut geschlafen". Er schaut mich mit diesen Augen an, die so groß sind, dass sie gar nicht in dieses kleine Gesicht passen, und sagt diesen einen Satz, den ich mein ganzes Leben lang in meinem Kopf höre, ohne dass ich ihn jemals abstellen kann.

„Papa, lass uns spielen."

Damals habe ich gesagt: Das geht jetzt leider nicht. Aber morgen, ganz sicher.

Ich höre meine eigene Stimme von damals. Sie ist freundlich. Sie ist sogar liebevoll. Sie meint es genau so, wie sie es sagt. Aber sie geht aus der Tür, und sie kommt heute Abend wieder, und sie geht morgen wieder durch die Tür, und das Morgen, das ich versprochen habe, kommt nie.

Heute sage ich etwas anderes.

Ich knie mich hin, was wehtut, weil ich verlernt habe, mich hinzuknien, ohne dass mein Herz es mir nachträgt — aber heute ist mein Herz still und freundlich, also kann ich knien, so lange ich will. Ich nehme sein Gesicht in beide Hände, eine ganze Welt zwischen meinen Fingern, und sage: Komm, Daniel. Wir spielen.

Wir spielen den ganzen Vormittag.

Ich weiß nicht mehr, was wir spielen. Im Traum verschwimmen die Spiele zu einer einzigen Bewegung, einem einzigen Lachen, einer einzigen kleinen Hand in meiner. Ich weiß nur, dass ich nicht aufstehe. Dass ich das Telefon nicht beantworte, das in der Diele klingelt. Dass ich die Wohnungstür nicht aufschließe und ins Auto steige und ins Geschäft fahre. Dass das Geschäft heute zumacht. Dass die Welt heute auf mich warten kann.

Sie hat ja Zeit.

Am Nachmittag rufe ich meine Mutti an.

Ich weiß, dass sie noch lebt. Im Traum weiß man solche Dinge. Sie ist fünfundsiebzig, sie wohnt in der Wohnung am Mohren, die ich für sie eingerichtet habe, der Geist ist noch klar, die Stimme ist noch fest. Sie wird gleich abnehmen.

Sie nimmt ab.

Hallo, sagt sie, und ich kann eine Weile gar nichts antworten. Weil ich diese Stimme zum letzten Mal vor fünfzehn Jahren gehört habe und dann nie wieder, und weil keine Erinnerung, kein Foto, kein noch so liebevoll behüteter Gedanke diese Stimme so wiedergeben kann, wie sie wirklich ist, wenn sie aus dem Hörer kommt und genau für einen bestimmt ist.

Mutti, sage ich.

Was ist denn, sagt sie. Du klingst komisch.

Nichts, sage ich. Ich wollte nur hallo sagen.

Wir reden eine Stunde. Vielleicht zwei. Im Traum gibt es keine Uhr. Sie erzählt mir von ihrem Tag. Von der Nachbarin, die wieder durchgedreht hat. Von dem Doktor, der sie beim Blutdruckmessen so streng angeschaut hat, als wäre sie selbst schuld. Von dem Gewitter, das sie am Vorabend so erschreckt hat, dass sie aufs Sofa und nicht ins eigene Bett gegangen ist. Ich höre zu. Ich unterbreche nicht. Ich sage nicht: Mutti, ich hab gleich einen Termin. Ich sage nicht: Mutti, ich ruf später nochmal an.

Ich sage am Ende: Ich komme dich besuchen. Bald.

Sie sagt: Ja, das wäre schön.

Und obwohl ich in diesem Traum fünfunddreißig bin und sie noch lebt, weiß ich, dass dieses „bald" der ganze Knoten meines Lebens ist. Dass ich es zu wenige Male gesagt habe und zu viele Male nicht eingehalten. Dass jedes Mal, wenn ich es sage und nicht komme, ein leises Pfand draufgeht, ein winziges Versprechen, das ich nicht einlöse.

Heute bricht das Pfand.

Ich fahre noch am gleichen Nachmittag zu ihr.

Abends gehe ich zu meinem Bruder.

Andreas wohnt damals noch in seiner kleinen Wohnung, und ich weiß im Traum, dass er sich freuen wird, wenn ich klingele, weil er sich immer gefreut hat, wenn ich vor seiner Tür stand, und ich es nur nicht gemerkt habe oder nicht merken wollte. Andreas, der mir Schwimmen beigebracht hat im Baggersee, als seine Augen noch alles gesehen haben, was es zu sehen gab. Andreas, der mir den Annett-Kassettenrecorder zur Jugendweihe geschenkt hat. Andreas, der mir hundert Mark zum Abschlussball geschenkt hat. Andreas, der mir den uralten Wartburg überlassen hat, als ich den Führerschein gemacht habe, ein Auto, das nur noch von Rost und Spachtel zusammengehalten wurde, und der so stolz war, dass er es mir geben durfte.

Andreas, der nicht so viel erreicht hat im Leben wie ich. Nicht weil er es nicht gewollt hätte. Sondern weil ihm die Augen, mit denen er angefangen hatte, langsam, Jahr für Jahr, immer mehr Türen zugeschlagen haben, die ich einfach so durchschritten habe.

Er macht auf. Er strahlt, bevor er mich überhaupt richtig sieht — er hat mich an den Schritten erkannt, an der Art, wie ich klingele, an dem leisen Räuspern auf dem Flur. Erst als ich nahe genug bin, geht das Strahlen ganz auf.

Holger, sagt er. Das ist ja eine Überraschung.

Ich sehe ihn an.

Im wirklichen Leben, also im Leben, das ich schon gelebt habe, habe ich Andreas oft angesehen, ohne ihn zu sehen. Ich habe seinen kleinen Stolz auf mich gespürt und mich heimlich darüber lustig gemacht, weil er angab mit dem Bruder, der das Geschäft hatte. Heute sehe ich ihn richtig. Ich sehe sein Gesicht, das mir so ähnlich ist und doch so anders. Ich sehe seine Augen, die mich nicht mehr ganz scharf treffen, die ein Stück über mich hinwegschauen, ein Stück daneben, weil er mit der Mitte seines Blicks schon nicht mehr alles erfasst und das mit dem Rand ausgleicht. Ich sehe seine Hände, die noch dreckig sind, weil er irgendwo wieder etwas gerichtet hat, das niemand außer ihm hätte richten können — und niemand außer ihm tun würde, mit Augen, die schon kaum noch sehen, was der Schraubenkopf ihm zeigt. Ich sehe, dass er trotzdem grinst.

Komm rein, sagt er.

Wir trinken etwas. Wir reden lang. Er sitzt mir gegenüber und neigt den Kopf ein klein wenig schräg, wie er es immer macht, wenn er mich richtig anschauen will, und ich weiß, dass ich für ihn ein bisschen verschwommen bin und er sich aus den Resten zusammensetzt, was er noch erkennen kann. Wir reden über Mutti. Über Silke. Über Opa Willi, an den er sich auch nur noch vage erinnert. Über die alte Wohnung in der 18. Märzstraße. Wir lachen über die Masern, die wir zusammen unter der Decke ausgesessen haben. Ich sage ihm Dinge, die ich ihm nie gesagt habe.

Ich sage: Ohne dich wäre ich nicht der geworden, der ich bin.

Er winkt ab. Er ist verlegen. Er war immer verlegen, wenn man ihm Dinge gesagt hat, die er nicht gewohnt war zu hören.

Aber ich sage es trotzdem.

Auf dem Heimweg, irgendwann zwischen zwei Straßen, kippt der Traum.

Ich weiß nicht, wie es passiert. In dem einen Moment fahre ich noch im Auto durch die Dämmerung, im nächsten gehe ich zu Fuß durch eine Stadt, die nicht mehr existiert, durch eine Straße, die längst anders heißt, und vor mir liegt die alte Villa in der 18. Märzstraße.

Ich gehe rein. Die Holztreppen knarren unter meinen Füßen, dieselben Stufen, die unter mir geknarrt haben, als ich klein war und sie heimlich runterschlich, um zum Kiosk zu gehen, um Opa seine Zigarillos zu holen. Ich gehe nach oben, ganz nach oben, in die Dachwohnung, in der wir gelebt haben, wo der Kachelofen im Wohnzimmer stand und wo der runde Tisch mit der Tischdecke bis zum Boden mein heimlicher Hafen war.

Opa sitzt in seinem kleinen Zimmer.

Er sitzt da, wie er immer da gesessen hat, mit der Pfeife in der Hand, dieser süßliche Geruch in der Luft, für den ich bis heute kein Wort gefunden habe, der nach Vanille riecht und nach noch etwas, was niemand mir erklären kann. Er schaut auf, als ich reinkomme. Seine Hände sind riesengroß.

Ich war klein, mein Herz war rein.

In diesem Moment stehe ich wieder in der Tür, sechs Jahre alt, ein Beutel mit Zigarillos in der Hand, und Opa sagt zu mir, was er immer zu mir gesagt hat: Fein, Kleener.

Ich gehe zu ihm. Ich setze mich auf seinen Schoß, der gar nicht so ist, wie ich ihn in Erinnerung hatte, sondern noch besser. Und während ich da sitze, höre ich aus dem Flur das Klappern kleiner Schuhe, ein Lachen, das ich nie gehört habe, weil ich erst drei war, als es verstummt ist.

Silke.

Sie kommt nicht ins Zimmer. Sie läuft nur am Türrahmen vorbei, ein Schatten, ein helles Kleidchen, ein Kichern, und dann ist sie weg. Ich weiß nicht, ob sie es war oder ob mein Traum mir das schenkt, weil ich es nie hatte.

Es spielt keine Rolle.

Mein Herz hält das aus. Mein Herz, das gerade fünfunddreißig ist und gerade sechs ist und gerade einundsechzig ist, alles auf einmal, hält das aus, weil dieser Traum freundlich ist, weil er mir das zeigt, was ich nicht wirklich haben kann, und es trotzdem für eine Sekunde so aussehen lässt, als hätte ich es.

Irgendwo zwischen Opas Pfeifenrauch und Silkes Lachen denke ich an später.

Ich denke an die Firma, die ich mit vierzig verkauft habe. An das Wohnmobil, mit dem wir sechs Jahre durch die Welt gefahren sind. Die kleine Familie, der weite Horizont, die Sonne über Italien, die Olivenbäume in Griechenland, das Meer, das uns festgehalten hat, weil es uns gefallen hat.

Es war schön.

Aber während ich es im Traum nochmal sehe, frage ich mich zum ersten Mal ehrlich: War es das wert?

Die zwölf, vierzehn Stunden am Tag. Die sieben Tage die Woche. Die Morgen, an denen Daniel noch schlief, wenn ich aufschloss, und schon wieder schlief, wenn ich heimkam. Das Geld, das so viel kaufen konnte und so wenig zurückkaufen.

Wir haben Menschen kennengelernt auf unseren Reisen, die mit nichts ausgekommen sind. Mit einem kleinen Boot, mit einem Garten, mit ein paar Hühnern und einer Familie, die einfach da war. Sie waren reicher, als ich es je sein werde. Ich habe es damals gesehen und nicht verstanden. Ich verstehe es heute, sechsundzwanzig Jahre später, in einem Traum, der mir noch zwei oder drei Stunden Restzeit lässt, bevor er endet.

Es wird Abend.

Ich bringe Daniel ins Bett. Ich lese ihm vor, ohne eine Seite zu überspringen, was ich damals immer getan habe, weil ich noch arbeiten musste. Heute überspringe ich nichts. Ich lese, bis seine Atemzüge tief und gleichmäßig sind. Ich bleibe sitzen, noch eine Weile, und schaue ihm beim Schlafen zu.

Dann gehe ich zu Manuela ins Wohnzimmer. Es ist noch kein fertiges Wohnzimmer, eher ein Raum mit einem Sofa, einem Stapel Renovierungsplänen auf dem Boden, einer Stehlampe, die wir noch aus der alten Wohnung mitgebracht haben, und überall der leise Geruch nach Holz und Staub. Sie sitzt auf dem Sofa, sie liest. Ich setze mich zu ihr. Ich nehme ihre Hand. Ich sage nichts, weil ich nichts mehr sagen muss; sie hat heute schon gemerkt, dass etwas anders ist, und sie hat heute schon gemerkt, dass dieses Andere etwas Gutes ist.

Wir bleiben so sitzen, bis das Licht draußen blau wird und der Tag in den Abend kippt und der Abend in die Nacht.

Ich denke: Ich will nicht, dass dieser Tag aufhört.

Aber ich weiß, dass er aufhört.

Wir gehen ins Bett. Manuela und ich, in unser Bett, in das halbfertige Schlafzimmer mit den hohen, nackten Wänden. Sie schläft schnell ein, weil sie immer schnell einschläft. Ich bleibe noch einen Moment wach, weil ich diesen Tag noch nicht loslassen will, weil ich weiß, dass er gleich vorbei ist, und weil ich nicht aufhören kann, an Manuelas Atem zu lauschen, der ruhig und warm neben mir geht.

Dann spüre ich, wie jemand am Bettlaken zieht.

Daniel.

Er steht neben dem Bett, die Augen halb zu, den Plüschdings unter dem Arm, das Haar wirr, und er fragt — ganz leise, weil er weiß, dass er eigentlich in seinem eigenen Bett schlafen sollte —, ob er bei uns schlafen darf.

Natürlich darfst du, sage ich.

Er klettert ins Bett, schiebt sich genau in die Mitte zwischen Manuela und mich, dorthin, wo es warm ist von zwei Seiten, dorthin, wo er hingehört. Er drückt sein Gesicht in mein Schlafshirt, atmet einmal tief ein und einmal langsam aus, und das ist alles, was er braucht, um zu wissen, dass nichts ihm passieren kann.

Ich nehme seine Hand.

Ich halte sie fest. So fest, wie man eine Hand halten kann, ohne ihr wehzutun. So fest, dass er sie nicht aus Versehen wegziehen kann, wenn er sich im Schlaf dreht. So fest, dass mein Daumen sich seinen Daumen merkt, für später, für die fünfundzwanzig Jahre, die noch zwischen uns liegen werden, in denen ich diese kleine Hand nicht mehr in meiner haben werde.

Ich halte sie fest, bis ich selbst eingeschlafen bin.

Ich wache auf in Finsterbergen.

Der Bach läuft draußen. Der Ofen ist aus. Die Hütte ist kalt, es ist gerade Morgen, das erste Licht kommt durchs Fenster, und ich brauche eine Weile, bis ich begreife, wo ich bin und wie alt ich bin und in welchem Leben dieser Körper liegt, der mir gerade leise wehtut.

Ich fasse mir an die Wange.

Sie ist feucht. Eine Spur, eine zweite, getrocknet schon, eine dritte noch nicht ganz. Ich habe geweint, ohne dass ich es gemerkt habe. Im Schlaf, an einer kleinen Hand, die in einem anderen Land, in einem anderen Jahrzehnt, in einem anderen Leben in meiner gelegen hat.

Eine Weile, in der ich noch fast glaube, dass ich aufstehen kann und Daniel gleich wecken werde, und dass Manuela in der Küche schon den Kaffee aufgesetzt hat, und dass meine Mutti gleich anrufen wird, und dass mein Bruder am Wochenende vorbeikommt.

Aber meine Mutti ist seit fünfzehn Jahren tot.
Mein Bruder ist seit zwölf Jahren tot, an einer Tür zusammengebrochen, mit vierundfünfzig.
Daniel ist erwachsen und lebt sein eigenes Leben, das ich nicht mehr in Stunden bemessen darf.
Opa ist seit über fünfzig Jahren tot.
Silke ist seit fast sechzig Jahren tot.

Und ich liege hier, im Thüringer Wald, in einer kleinen Hütte mit einem Bach und einem Ofen, und versuche, mir den Geruch von Pfeifentabak ins Gedächtnis zu rufen, der gerade noch da war.

Der Geruch ist weg.

Ich richte mich auf, ganz langsam. Mein Herz protestiert leise, aber höflich, wie ein alter Hund, der noch nicht sterben will. Ich gehe in die Küche, ich setze Wasser auf, ich schaue aus dem Fenster auf den Bach.

Und ich denke, was ich diesem Traum, falls er morgen noch einmal käme, sagen würde:

Ich habe verstanden.

Spät. Aber ich habe verstanden.

Und wenn ich euch, die ihr das hier lest, eines mit auf den Weg geben darf, dann sage ich es euch ohne Umschweife, von Herzen, aus tiefster Überzeugung:

Es gibt nichts Wichtigeres als die Familie.

Nichts.

Ich habe in meinem Leben sehr viel Geld verdient. Mehr, als die meisten Menschen je sehen werden. Ich habe dafür zwölf und vierzehn Stunden am Tag gearbeitet, sieben Tage die Woche, jahrelang, ohne Atempause, ohne Blick zur Seite, ohne einen einzigen freien Sonntag. Und während mein Konto immer voller wurde, ist das andere immer leerer geworden. Die Zeit mit Daniel, der ohne mich in seinen ersten 5 Lebensjahren groß geworden ist. Die Stunden mit meiner Mutti, die ich auf irgendwann verschoben habe, bis es kein Irgendwann mehr gab. Die Nähe zu meinem Bruder, der nichts anderes wollte, als ein bisschen mehr von mir. Ich habe es damals nicht gemerkt. Ich habe gedacht, ich verschiebe es nur. Auf morgen, ganz sicher. Heute weiß ich: Ich habe es nicht verschoben. Ich habe es weggegeben.

Geld ist vergänglich.

Das letzte Hemd hat keine Taschen. Was ihr angehäuft habt, bleibt zurück, wenn ihr geht. Es liegt auf einem Konto, in einem Tresor, in einem Aktendeckel beim Notar — und es geht keinen einzigen Schritt mit euch mit. Nichts, was sich in Zahlen rechnen lässt, dürft ihr auf den allerletzten Weg mitnehmen.

Was ihr mitnehmen dürft, ist anderes.

Eine Hand, die ihr lange genug gehalten habt. Eine Stimme, der ihr lange genug zugehört habt. Ein Kind, das ihr nicht vertröstet habt auf morgen.

Auf morgen, ganz sicher.


Veröffentlicht mit Welako

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Im Moment klingt vieles, was Du machst und schreibst, irgendwie nach Vermächtnis... Ich glaube, ich verstehe gut, was DIch treibt. Aber... Es gibt noch mehr gute Ärzte. Es gibt "Wunder". Und vielleicht ist Kürzertreten doch eine Option - wenn sie einem guten Zweck dient ;-))

Du hast noch nicht fertig. So einfach ist das.

Nicht nur ein Vermächtnis, ein großes Denkmal und einen großen Freizeitpark mit dem Namen Hollieland hier in Finsterbergen :)

Veröffentlicht mit Welako

wow
deine geschichte berührt mich sehr

ja,wir machen im leben nicht immer alles richtig
doch wenn man zum schluss sagen und fühlen kann,dass man es verstanden hat,dass ist so wichtig

die jahre die einem noch bleiben,genau das zu tun,was man verstanden hat
die hand halten
telefonieren ob man was zu sagen hat oder nicht
lächeln
sagen,wie wichtig der andere doch ist

danke für deine berührenden zeilen

Vielleicht muntert Dich das ein wenig auf.

Dein Leben hat Dich lieb - und es wird Dir noch viele weitere schöne Momente schenken.

Die Vergangenheit ist passé - und sie kommt nicht wieder.

Freue Dich über das hier und jetzt.

Hi! I'm kafio. I've been building tools for the Steem ecosystem for the past year.

My main project is Steem Keychain Mobile — the first mobile wallet for Steem with a full dApp browser, Keychain bridge, deep linking, and QR code support. 8 phases shipped, tested by community members, and actively used.

Early demo (many more features have been added since)

Latest update: Phase 8 — Deep Linking & Keychain Tester

I also built a Keychain Tester for developers, PixelCraft, SteemHub, Stats & Analytics, Memory Game, and two Chrome extensions for Steemit (Blog Formatter, Notification Saver) — all free and open.

If you think this kind of work adds value to Steem, a witness vote for @kafio.wit would mean a lot.

[Vote here] https://steemitwallet.com/~witnesses

Thank you!

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.

✨🦋🙏

Ich habe erst Ende Juni Geburtstag. :)

Veröffentlicht mit Welako