𝗗𝗮𝘀 𝘀𝘁𝗶𝗹𝗹𝗲 𝘂𝗻𝗱 𝗲𝗶𝗻𝘀𝗮𝗺𝗲 𝗦𝘁𝗲𝗿𝗯𝗲𝗻 𝗱𝗲𝘀 𝗗𝗿. 𝗢𝘃𝗲𝗿𝗳𝗹𝗼𝘄

in #deutsch3 days ago

Es ist nun fast auf den Tag genau zwei Jahre her, dass ein Mensch verstorben ist, den ich fast 30 Jahre lang gekannt habe. Uli – die meisten kannten ihn nur unter seinem Pseudonym Dr. Overflow – war ein Genie aus dem Informatikbereich, wie es nur ganz wenige gibt. Ein zurückgezogener Mann, der sein Leben lang mit seinen Dämonen kämpfen musste.

Durch ihn ist damals viel passiert in meinem Leben. Uli hatte für die damalige D-Box der Kirchgruppe ein komplettes Betriebssystem ganz allein programmiert – zuerst DVB98, später das legendäre DVB2000. Der eine oder andere wird dieses Betriebssystem vielleicht heute noch kennen. Durch diese Software konnte man zeitweise nahezu alle Pay-TV-Sender unentgeltlich empfangen – und das nicht nur deutschlandweit, sondern europa- und weltweit.

Ich hatte damals einen Fachgroßhandel für Satellitentechnik in Kassel. Die D-Boxen habe ich lkw-weise und günstig eingekauft, sie mit Ulis Software versehen und dann recht gewinnbringend weiterverkauft. Unter anderem ihm habe ich es also zu verdanken, dass ich mir damals ein Vermögen aufbauen konnte. Aber leicht verdient war dieses Geld beileibe nicht: Ich habe in jenen Jahren täglich gearbeitet, sieben Tage die Woche, 12 bis 14 Stunden, 365 Tage im Jahr. Wer glaubt, mir sei das alles in den Schoß gefallen, der irrt. Ich hatte in Kassel auch einige Treffen abgehalten – auf gut Deutsch: Hackertreffen –, bei denen es um genau diese Verschlüsselungstechniken im Satellitenempfang ging und bei denen Uli mit dabei war.

Zu diesem Kreis außergewöhnlicher Köpfe gehörte damals auch Tron, bürgerlich Boris F., ein Informatiker aus Berlin und ebenfalls ein Genie im Bereich Kryptographie und Verschlüsselungstechnik. Auch er hatte die Verschlüsselung des Bezahlfernsehens geknackt. Tron wurde nur 26 Jahre alt – im Oktober 1998 fand man ihn unter bis heute umstrittenen Umständen erhängt in einem Park in Berlin. Offiziell lautet das Ergebnis Suizid, angezweifelt wird das bis heute. Auch so ein heller Geist, viel zu früh aus dem Leben gerissen. Beiden ging es nie ums Geldverdienen. Es ging ihnen darum, Sicherheitslücken zu finden – aus Spaß, aus Interesse, aus reinem Forscherdrang.

Ich selbst habe vor rund 20 Jahren mein Unternehmen verkauft, mich zur Ruhe gesetzt und bin lange mit dem Wohnmobil durch die Welt gereist, bis ich in Griechenland hängen geblieben bin. Den Kontakt zu Uli habe ich nie verloren. Und weil er sich in Deutschland zunehmend unwohl fühlte, habe ich ihm ein Haus in meiner Nähe besorgt – ein großes Grundstück für gerade einmal 250 Euro Miete im Monat. 2017 ist er dann endgültig dorthin gezogen, den kompletten Umzug habe ich für ihn organisiert. Im Gepäck hatte er eine Katze, die er schon viele Jahre besaß. Und genau damit fing das an, was am Ende zu seinem Verhängnis werden sollte.

Am Haus lebte bereits eine Katze, die Junge bekommen hatte. Uli kümmerte sich – und die Tiere vermehrten sich immer weiter. Zeitweise liefen dort um die 50 Katzen herum, alle mit Zugang zum Haus. Jeder kann sich vorstellen, wie es dort aussah. Sein ganzes Geld, das er als Freelancer verdiente, steckte er in Katzenfutter. Immer wieder startete er Spendenaktionen fürs Kastrieren und fürs Futter. Das Bittere daran: Jedes Jahr starben dort Dutzende Tiere an Krankheiten. Ich habe oft versucht, ihm klarzumachen, dass das so nicht geht, habe ihn zum Tierarzt gefahren, einige Katzen wurden auch kastriert – aber es reichte nie. Vielleicht hätte ich energischer sein müssen. Vielleicht hätte ich die Behörden informieren sollen, auch wenn das in Griechenland vermutlich wenig gebracht hätte. Ich war, ehrlich gesagt, selbst überfordert.

Ich weiß, das wirft womöglich ein schlechtes Licht auf Uli. Das ist ausdrücklich nicht meine Absicht. Er war eben ein menschenscheuer Einsiedler, über dieses Thema ließ sich mit ihm nicht reden. Die Katzen waren im Grunde seine einzigen Freunde.

Uli ist einsam und verlassen gestorben. Er wollte keinen Kontakt zur Außenwelt, hielt von ärztlicher Behandlung nichts und hat immer versucht, sich selbst zu kurieren. Eine Krankenversicherung hatte er nicht. Er war ein echter Einsiedler, hatte auch einen gewissen Verfolgungswahn – und wer seinen Lebensweg kennt, versteht, warum. Eine schwere, traumatisierte Kindheit, aus der er nur herauskam, weil er bei einer anderen Familie untergebracht wurde. So etwas prägt ein ganzes Leben. Auf den letzten Bildern sieht man, wie abgemagert er war. Mangelerscheinungen, schlimme hygienische Verhältnisse. Am Ende ist er eines Morgens einfach nicht mehr aufgewacht, und man hat ihn erst nach mehreren Tagen gefunden. Er war noch nicht einmal 60 Jahre alt.

Und das vielleicht Tragischste: Ich weiß, dass Uli eigentlich vermögend war. Er besaß eine größere Anzahl Bitcoins, an die er nie herangegangen ist. Ich kenne noch die Zeiten, in denen er sie selbst errechnet hat und immer sagte, das sei einmal sein Notgroschen. Und ich weiß das auch deshalb so genau, weil ich ihn damals ein wenig am Gewinn beteiligt und ihn zum Teil in Bitcoin ausbezahlt hatte. Bis heute weiß ich, was eigentlich auf den Wallets liegt. Er ist im Elend gestorben und saß doch auf einem Vermögen, das er sich selbst nie gegönnt hat.

Über einen Bekannten, der noch in Griechenland lebt und Moderator in einer meiner Gruppen ist, habe ich Kontakt zum Bestatter aufgenommen. Das Ergebnis war bedrückend: Uli lag zunächst in der Pathologie in Patras und blieb dort, weil niemand Anspruch auf den Leichnam erhob. Nicht einmal sein informierter Sohn wollte die Kosten der Überführung übernehmen. Am Ende wurde Uli in dem kleinen Dorf, in dem er gelebt hat, schlicht verscharrt. Einige hatten zugesagt, sich an den Kosten zu beteiligen – geschehen ist nichts. Ich habe mich leider wieder einmal auf Worte verlassen, auf die wenig Verlass war.

Ich hoffe sehr, dass ich es in diesem Herbst endlich wieder nach Griechenland schaffe. Dann werde ich dorthin fahren, wo man ihn – auf gut Deutsch – verscharrt hat, und für ein anständiges Grab und einen Grabstein sorgen. Sollten noch Kosten offen sein, bezahle ich sie. Aus der Ferne hat es leider nicht geklappt, so sehr ich es auch versucht habe.

Wenn ich daran denke, wie viel Einfluss Uli eigentlich hatte und wie viele Menschen durch ihn profitiert haben – darunter auch ich. Und dann stirbt so ein Mensch still und abseits, und kaum jemand hat es interessiert. Da war ein Mann, den in der Szene Tausende, wenn nicht Zehntausende kannten. Heute ist er einfach vergessen, als hätte es ihn nie gegeben.

Ich reite hier ja oft auf der Floskel herum, dass das soziale Miteinander wieder in den Herzen der Menschen verankert werden müsse. Ausgerechnet bei Uli habe ich mich an meine eigene Devise nicht gehalten – in den letzten beiden Jahren hatte ich kaum noch Kontakt zu ihm, obwohl ich wusste, wie es um ihn stand. Diese Vorwürfe mache ich mir, und zwar nicht erst seit heute.

Ich bin einer der wenigen, die sich darüber überhaupt Gedanken machen – und einer der wenigen, die ihn als das in Erinnerung behalten werden, was er war: ein ganz besonderer Mensch.

Also, lieber Uli, wo auch immer du jetzt sein magst: Ich hoffe, dass du dort endlich ein wenig Glück und Frieden findest. Und ich bin mir ganz sicher – der Tod ist nicht das Ende. 🕯️

Die Bilder dazu sind teils über 20 Jahre alt und stammen von den Treffen, die ich damals im Bereich Pay-TV und Kryptographie veranstaltet habe.


Veröffentlicht mit Welako

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That's one of the cutest cat poses I've seen all year, look how it's just resting 😂😂

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