𝗗𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗸𝗹𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗛𝗮𝗻𝗱 𝗶𝗻 𝗺𝗲𝗶𝗻𝗲𝗿
Es ist lange her, und doch gibt es Abende, an denen diese Erinnerung plötzlich wieder ganz nah ist.
Dann sehe ich dich vor mir, vier, fünf, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. Du kamst zu mir, wenn du nicht einschlafen konntest, krochst ganz selbstverständlich zu mir unter die Decke und legtest dich neben mich. Du erklärtest nichts, erzähltest nichts und sagtest auch nicht, weshalb du wach warst.
Du sagtest nur ein einziges Wort:
„Hand.“
Mehr war nicht nötig.
Ich wusste genau, was du meintest. Ich nahm deine kleine Hand in meine, und du hieltest dich daran fest. Deine Finger waren warm und weich, manchmal umschlossen sie meine Hand ganz fest, als könnte dir nichts geschehen, solange ich nur nicht losließ.
Im Zimmer war es still. Vielleicht hörte man draußen den Wind, irgendwo ein Auto oder das leise Ticken einer Uhr. Doch all das schien in diesen Momenten weit weg zu sein. Zwischen uns gab es nur diese eine Berührung.
Deine kleine Hand in meiner.
Nach wenigen Minuten wurde dein Atem ruhiger. Deine Finger lockerten sich langsam, und ich wusste, dass du eingeschlafen warst. Sicher und geborgen, in dem festen Glauben, dass die Welt in Ordnung ist, solange jemand da ist und deine Hand hält.
Damals erschien mir das selbstverständlich.
Es war einer dieser kleinen Augenblicke, von denen man glaubt, sie würden niemals enden. Man denkt nicht daran, dass Kinder größer werden. Dass sie irgendwann nicht mehr zu einem ins Bett kriechen, wenn sie nicht schlafen können. Dass aus kleinen Händen erwachsene Hände werden und aus dem Kind ein Mensch, der seinen eigenen Weg geht.
Erst viele Jahre später begreift man, dass gerade diese unscheinbaren Momente die wertvollsten waren.
Keine großen Reisen.
Keine besonderen Geschenke.
Keine spektakulären Ereignisse.
Nur ein stilles Zimmer, eine kleine Hand und ein einziges Wort:
„Hand.“
Manche Erinnerungen verblassen mit den Jahren. Gesichter werden undeutlicher, Stimmen leiser, und bei manchen Erlebnissen weiß man irgendwann nicht mehr, ob sie wirklich genau so gewesen sind.
Doch dieses Gefühl ist geblieben.
Ich spüre noch heute deine kleine Hand in meiner, als wäre es erst gestern gewesen. Und vielleicht vermisse ich diese Zeit deshalb so sehr, weil ich heute selbst verstehe, was du damals gesucht hast.
Es war nicht nur eine Hand.
Es war das Gefühl, nicht allein zu sein.
Das Wissen, dass jemand neben einem liegt, der aufpasst. Dass man nichts erklären muss. Dass die Dunkelheit ihre Macht verliert, sobald man sich an einem anderen Menschen festhalten kann.
Auch mit über 60 verschwinden die Ängste nicht. Sie verändern nur ihre Gestalt.
Früher fürchtete man sich vor Schatten im Zimmer, vor Geräuschen auf dem Flur oder vor einem bösen Traum. Später sind es andere Gedanken, die einen nachts wachhalten. Die Sorge um geliebte Menschen, die Angst vor Krankheit, vor Verlust und vor dem, was noch kommen wird.
Man liegt still im Bett, während im Kopf all die Dinge laut werden, für die am Tage kein Platz war.
In solchen Nächten würde ich manchmal selbst gern nur ein einziges Wort sagen:
„Hand.“
Nicht, damit der andere einschläft.
Sondern damit ich für einen Moment wieder dieses Gefühl von Geborgenheit spüre. Damit jemand meine Hand nimmt und mir ohne viele Worte zeigt:
Du bist nicht allein.
Ich bin hier.
Du musst jetzt nichts erklären, nichts lösen und auch nicht stark sein.
Vielleicht bleibt in jedem Menschen, ganz gleich, wie alt er wird, ein kleines Kind zurück. Ein Kind, das sich manchmal fürchtet und das gar nicht viel verlangt. Nur eine vertraute Hand, an der es sich festhalten kann, bis die Gedanken ruhiger werden und die Dunkelheit ein wenig von ihrem Schrecken verliert.
Und wenn eines Tages der Zeitpunkt gekommen ist, an dem ich gehen muss, wünsche ich mir keine großen Worte. Keine feierlichen Reden, keine verzweifelten Versprechen und keine Erklärungen darüber, was danach kommen mag.
Ich wünsche mir nur, dass jemand bei mir ist.
Dass jemand meine Hand ganz fest in seine nimmt, so wie ich damals deine kleine Hand gehalten habe.
Vielleicht werde ich dann die Augen schließen und mich noch einmal an diese Nächte erinnern. Daran, wie du dich neben mich gelegt hast, deine kleine Hand nach meiner gesucht hast und langsam eingeschlafen bist, weil du wusstest, dass ich da war.
Dann soll sich jemand zu mir beugen und mir ganz leise ins Ohr flüstern:
„Hab keine Angst. Glaube ganz fest daran. Wir sehen uns wieder.“
Und vielleicht genügt am Ende des Lebens genau das, was damals genügte.
Eine Hand.
Ein vertrauter Mensch.
Und das Gefühl, nicht allein gehen zu müssen.

Ich war heute Nacht mal wieder ein wenig depri und habe diese Zeilen aufgeschrieben. Mir hilft Schreiben immer sehr, mit meinen Gedanken ins Reine zu kommen …
Veröffentlicht mit Welako
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