𝗗𝗶𝗲 𝗪𝗮𝗵𝗿𝗵𝗲𝗶𝘁
ü𝗯𝗲𝗿 𝗱𝗶𝗲 „𝟭𝟲 𝗸𝗼𝗺𝗽𝗹𝗲𝘁𝘁 𝘇𝗲𝗿𝘀𝘁ö𝗿𝘁𝗲𝗻“ 𝗪𝗶𝗹𝗱𝗯𝗲𝗿𝗿𝗶𝗲𝘀-𝗟𝗮𝗴𝗲𝗿 𝗶𝗻 𝗥𝘂𝘀𝘀𝗹𝗮𝗻𝗱 – 𝗸𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗦𝗮𝘁𝗶𝗿𝗲 𝗱𝗶𝗲𝘀𝗺𝗮𝗹
Als ich wieder zu Hause angekommen war und den Computer eingeschaltet hatte, kam als eine der ersten Meldungen: Die Ukraine habe 16 Wildberries-Lager in Russland komplett zerstört. Zack, einfach 16 Lager vollständig verschwunden. Wahrscheinlich einschließlich Fundament, Parkplatz, Pförtnerhäuschen und Kaffeemaschine im Pausenraum. Die Propagandamaschine lief jedenfalls wieder auf Vollgas, und wie üblich übernahmen zahlreiche deutsche Medien praktisch denselben Einheitsbrei.
Also habe ich mir den Spaß gemacht und selbst ein wenig recherchiert. Nicht nur bei deutschen Medien, sondern auch in russischen, ukrainischen, europäischen und internationalen Berichten. Und siehe da: Aus den angeblich 16 vollständig zerstörten Lagern wurde plötzlich eine deutlich weniger spektakuläre Geschichte. Tatsächlich wurden 16 verschiedene Wildberries-Standorte angegriffen oder als Angriffsziel genannt. Einige Standorte wurden sogar mehrfach angegriffen. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass 16 komplette Lager zerstört worden sind.
So sieht die Lage nach den bisher bekannten Angaben tatsächlich aus: Das große Logistikzentrum in Elektrostal mit ungefähr 250.000 Quadratmetern ist vollständig ausgebrannt. Hier kann man wirklich von einem komplett zerstörten Lager sprechen. Das kleinere Lager in Utkina Sawod bei Sankt Petersburg ist wahrscheinlich ebenfalls vollständig ausgebrannt. Eine endgültige Bestätigung über den gesamten Schaden gibt es bisher allerdings nicht. In Schuschary ist mindestens eine komplette Lagerhalle innerhalb eines größeren Logistikkomplexes ausgebrannt. Das gesamte Zentrum wurde aber nicht vollständig zerstört.
Die Standorte in Krasnodar und Newinnomyssk wurden schwer beschädigt und waren zunächst außer Betrieb. Auch in Pensa, Sarapul, Wolgograd und Rjasan kam es zu teilweise erheblichen Bränden und Schäden. Wie groß der endgültige Schaden dort wirklich ist, steht aber noch gar nicht vollständig fest. Das Lager in Kotowsk nahm bereits wenige Tage später eingeschränkt den Betrieb wieder auf, das Zentrum in Nowaja Usman arbeitete sogar noch am selben Tag weiter. Die Standorte Koledino und Selenodolsk wurden jeweils zweimal angegriffen und liefen trotzdem weiter.
Und beim angeblich ebenfalls „zerstörten“ Lager in Jekaterinburg brannten im Wesentlichen einige Fahrzeuge auf dem Parkplatz. Das Lager selbst blieb weitgehend unbeschädigt und konnte nach wenigen Stunden wieder arbeiten. Aber aus ein paar brennenden Autos auf einem Parkplatz werden in einer deutschen Schlagzeile natürlich schnell Tausende Quadratmeter vollständig zerstörte Lagerfläche. Klingt schließlich dramatischer und bringt mehr Klicks.
Die ehrliche Zusammenfassung lautet deshalb: Von 16 angegriffenen oder als Ziel genannten Standorten ist ein großes Logistikzentrum nachweislich vollständig zerstört. Ein kleineres Lager ist wahrscheinlich ebenfalls komplett ausgebrannt. In einem weiteren Zentrum wurde mindestens eine Halle vollständig zerstört. Mehrere andere Standorte wurden schwer oder teilweise beschädigt. Einige konnten jedoch noch am selben Tag oder wenige Tage später weiterarbeiten. Das ist immer noch ein erheblicher Schaden. Es ist aber etwas vollkommen anderes als die Behauptung, 16 komplette Wildberries-Lager seien vom Erdboden verschwunden.

Wildberries ist im Grunde das russische Gegenstück zu Amazon. Das Unternehmen stellt Lagerflächen zur Verfügung und übernimmt für ungefähr 100.000 kleine und größere Händler die Lagerung und den Versand ihrer Waren. Das sind also nicht nur irgendwelche staatlichen Lagerhäuser oder militärischen Einrichtungen. Dort liegen die Waren kleiner Selbstständiger und Familienunternehmen, die mit diesem Krieg genauso wenig zu tun haben wie ein deutscher Händler, der seine Produkte bei Amazon einlagert.
Natürlich ist Krieg. Aber inzwischen scheint plötzlich alles vollkommen in Ordnung zu sein, solange die vermeintlich richtige Seite angreift. Die Ukraine greift immer stärker zivile Wirtschafts- und Logistikstrukturen innerhalb Russlands an, offenbar mit dem Ziel, den Warenverkehr, die Versorgung und die russische Wirtschaft zu beeinträchtigen. Ob solche Angriffe gerechtfertigt sind, darüber soll sich jeder selbst seine Meinung bilden. Ich persönlich sehe ein Lagerhaus, in dem Waren von Zehntausenden kleinen Händlern liegen, nicht automatisch als militärisches Ziel an. Nur weil dort möglicherweise auch Funkgeräte, Schutzwesten oder andere Dinge verkauft werden, wird daraus noch lange kein Munitionslager. Solche Artikel bekommt man schließlich auch bei Amazon oder Alibaba.
Die meisten Schäden durch Drohnenangriffe sind offenbar nicht von den normalen Versicherungen abgedeckt. Kriegshandlungen, Drohnenangriffe, Terrorismus und Sabotage sind in solchen Verträgen meistens ausgeschlossen. Die Gründerin Tatjana Kim kontrolliert über Wildberries ungefähr 65 Prozent des zusammengeschlossenen Unternehmens. Obwohl Wildberries wegen höherer Gewalt wahrscheinlich nicht verpflichtet wäre, sämtliche Verluste der Händler vollständig zu ersetzen, hat das Unternehmen trotzdem begonnen, betroffene Händler zumindest teilweise zu entschädigen. Das ist sicherlich nicht selbstverständlich. Man müsste es möglicherweise rechtlich nicht einmal tun. Dass Tatjana Kim trotzdem Zahlungen an betroffene kleine und mittlere Händler veranlasst hat, sagt vielleicht auch wieder mehr über diese Frau und ihr Unternehmen aus, als manche wahrhaben möchten.
Ich gehe allerdings davon aus, dass entsprechende russische Gegenschläge folgen werden. Man sieht bereits, dass Russland inzwischen viel gezielter ukrainische Infrastruktur, Häfen, Lagerhäuser und Transportwege angreift. Im Grunde versucht Russland damit, die Ukraine immer stärker vom Schwarzen Meer und wichtigen Handelswegen abzuschneiden. Die Frage ist nur, wie weit diese gegenseitigen Spielchen noch gehen sollen. Die Ukraine greift immer tiefer im russischen Hinterland an, Russland reagiert mit immer größeren Angriffswellen auf ukrainische Infrastruktur. Danach kommt wieder die nächste Vergeltung, dann die Vergeltung für die Vergeltung und anschließend die Vergeltung für die Vergeltung der Vergeltung. Und am Ende erklären uns dieselben Politiker, die immer mehr Waffen liefern und immer neue Angriffe ermöglichen, dass sie selbstverständlich ausschließlich für den Frieden arbeiten.
Bei großen russischen Angriffswellen liest man häufig von Dutzenden ballistischen Raketen, Marschflugkörpern und Hunderten Drohnen. Wenn man anschließend die Opferzahlen betrachtet, sind teilweise fünf, zehn oder vielleicht einige Dutzend Menschen ums Leben gekommen. Versteht mich nicht falsch: Jedes zivile Menschenleben ist eines zu viel. Diese Menschen haben mit den politischen Entscheidungen in Moskau, Kiew, Berlin, Brüssel oder Washington überhaupt nichts zu tun. Trotzdem fällt mir auf, dass die Zahl der zivilen Opfer bei vielen dieser massiven Angriffe erstaunlich niedrig bleibt. Für mich zeigt das, dass Russland zumindest bei vielen Angriffen darauf achtet, nicht wahllos möglichst viele Zivilisten zu töten.
Und wenn wir schon über Krieg, Bombardierungen und zivile Opfer sprechen, dann sollten wir uns auch einmal anschauen, wie die USA in ihren Kriegen vorgegangen sind. Dort wurden immer wieder Wohnhäuser und dicht besiedelte Gebiete bombardiert, weil man dort politische oder militärische Führungspersonen vermutete. Dabei wurden nicht nur die eigentlichen Zielpersonen getötet, sondern auch Familienangehörige und völlig unbeteiligte Menschen. Ich möchte einmal den Aufschrei in Deutschland erleben, wenn Russland Selenskyj, führende Mitglieder seiner Regierung und womöglich sogar deren Familien gezielt ins Visier nehmen würde. Dann wäre sofort von Terror, Kriegsverbrechen und einem beispiellosen Tabubruch die Rede.
Wenn die USA politische oder militärische Führungspersonen in anderen Ländern gezielt töten, nennt man es dagegen eine notwendige Militäraktion, einen Präzisionsschlag oder einen erfolgreichen Kampf gegen den Terror. Das Ergebnis für die Menschen, die dabei mitgetötet werden, bleibt allerdings dasselbe. Tot ist tot, egal welches Land die Bombe abgeworfen hat und wie elegant die Pressekonferenz anschließend formuliert wird. Und über Israel wollen wir an dieser Stelle gar nicht erst ausführlich reden. Dort werden ganze Wohnviertel zerstört, weil sich irgendwo darin angeblich eine einzelne gesuchte Person befinden soll. Wenn dabei zahlreiche Zivilisten sterben, wird es mit militärischer Notwendigkeit erklärt. Würde Russland auf dieselbe Art vorgehen, wären die Schlagzeilen, Sondersendungen und empörten Politikerreden schon vorbereitet, bevor der Rauch überhaupt verzogen wäre.
Hier wird dermaßen offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen, dass es inzwischen kaum noch zu ertragen ist. Es geht offenbar nicht mehr darum, was getan wird, sondern nur noch darum, wer es tut. Macht es der Westen oder einer seiner Verbündeten, findet man eine Rechtfertigung. Macht es Russland, ist es grundsätzlich verbrecherisch.
Man muss sich nur einmal an andere Kriege oder an die historischen Flächenbombardierungen erinnern. Dresden wurde im Zweiten Weltkrieg von britischen und amerikanischen Bombern großflächig zerstört. Ganze Wohngebiete wurden dem Erdboden gleichgemacht. Wenn heute Hunderte Raketen und Drohnen gemeldet werden und anschließend vergleichsweise wenige zivile Opfer zu beklagen sind, kann man zumindest darüber nachdenken, ob hier wirklich dieselbe rücksichtslose Art der Kriegsführung vorliegt, wie sie uns täglich dargestellt wird.
Das bedeutet nicht, dass ich den Krieg rechtfertige. Ganz im Gegenteil. Für mich ist dieser gesamte Krieg vollkommen unbegreiflich, und genauso unbegreiflich ist mir die Kriegseuphorie der sogenannten „Koalition der Willigen“. Deutschland steht natürlich wieder ganz vorne. Milliarden über Milliarden werden in die Ukraine geschickt, während bei uns Rentner Flaschen sammeln, Brücken gesperrt werden, Schulen verfallen und die gesamte Infrastruktur langsam zusammenbricht.
Und dann hört man ständig, die NATO habe Angst, Russland könne sie angreifen und mit seinen Panzern irgendwann bis Berlin rollen. Auf der einen Seite erzählt man uns, Russland schaffe es selbst nach mehreren Jahren Krieg nicht, die gesamte Ukraine zu erobern. Dabei geht es Russland nicht einmal um die vollständige Eroberung der Ukraine. Auf der anderen Seite sollen wir glauben, die russische Armee könnte anschließend mal eben halb Europa überrollen und praktisch über Nacht in Berlin stehen. Wie passt das zusammen?
Entweder ist die russische Armee so schwach und unfähig, wie man uns jeden Tag erzählt, oder sie ist eine riesige Gefahr für ganz Europa. Beides gleichzeitig funktioniert nur in der politischen Propaganda, weil dort Logik offenbar inzwischen als russische Einflussnahme gilt. Währenddessen schicken wir immer mehr Geld und Waffen in eines der korruptesten Länder Europas und erklären den Menschen in Deutschland, für Renten, Pflege, Krankenhäuser und Infrastruktur sei leider kein Geld vorhanden.
Vielleicht bin ich wirklich schon zu alt oder zu verblendet, um das alles noch zu verstehen. Vielleicht verstehe ich auch einfach nicht, warum sich der deutsche Michel zwar über steigende Preise, kaputte Straßen, niedrige Renten und immer neue Milliardenhilfen aufregt, am Ende aber doch alles stillschweigend hinnimmt. Und ja, ich weiß: Jetzt fängt er schon wieder mit Politik an. Aber wenn ich solche Meldungen lese und feststelle, dass aus angegriffenen oder teilweise beschädigten Standorten einfach 16 vollständig zerstörte Lager gemacht werden, dann kann ich nicht einfach so tun, als wäre das normale Berichterstattung.
Für mich veröffentlichen die meisten großen deutschen Medien inzwischen denselben Einheitsbrei. Einige wenige Nachrichtenagenturen liefern eine Meldung, und anschließend schreiben Dutzende Redaktionen voneinander ab. Die Überschriften unterscheiden sich vielleicht noch durch ein anderes Adjektiv, aber die politische Richtung, die Auswahl der Informationen und das, was weggelassen wird, sind fast immer gleich.
In Deutschland gehören die großen Medienkonzerne einer überschaubaren Zahl sehr vermögender Privatpersonen und Unternehmensgruppen. Und ich bin überzeugt davon, dass sehr genau entschieden wird, welche Meinung der deutsche Bundesbürger präsentiert bekommt, welche Informationen hervorgehoben werden und welche besser irgendwo im letzten Absatz verschwinden. Das ist meine Meinung, und ich lasse sie mir auch nicht umformulieren oder wegdiskutieren.
Selbstverständlich betreiben auch russische und ukrainische Medien Propaganda. Deshalb sollte man keiner Seite blind glauben. Ich kann jedem nur empfehlen: Recherchiert nicht ausschließlich bei deutschen Medienunternehmen. Schaut euch russische, ukrainische, europäische und weltweite Berichte an. Vergleicht die Angaben miteinander. Prüft, was wirklich bestätigt wurde und was lediglich eine dramatische Behauptung in einer Überschrift ist.
Denn aus 16 angegriffenen Standorten werden sonst plötzlich 16 vollständig zerstörte Lager. Und aus ein paar brennenden Autos auf einem Parkplatz wird am Ende wahrscheinlich noch der vollständige Zusammenbruch des russischen Onlinehandels. Aber das ist wohl typisch deutsch: Man plappert nach, was morgens in den Medien steht, hält sich anschließend für umfassend informiert und wird wütend, sobald jemand dieselben Maßstäbe auf alle Seiten anwenden möchte.
Hauptsache, die Schlagzeile stimmt. Ob die Wahrheit stimmt, scheint inzwischen nur noch Nebensache zu sein.
Veröffentlicht mit Welako
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