𝗗𝗜𝗘 𝗦𝗖𝗛𝗪𝗘𝗦𝗧𝗘𝗥, 𝗔𝗡 𝗗𝗜𝗘 𝗜𝗖𝗛 𝗠𝗜𝗖𝗛 𝗡𝗜𝗖𝗛𝗧 𝗘𝗥𝗜𝗡𝗡𝗘𝗥𝗡 𝗞𝗔𝗡𝗡
Gestern habe ich mal wieder in alten Bildern gestöbert, die ich vor 10 bis 15 Jahren digitalisiert hatte. Dabei fiel mir erneut ein Foto meiner verstorbenen, besser gesagt meiner verunglückten Schwester Silke in die Hände. Ich habe dieses Bild wirklich lange angeschaut und darüber nachgedacht, wie sich ihr Leben wohl hätte entwickeln können, wenn sie nicht schon als Kind aus dem Leben gerissen worden wäre.
Ich habe im Moment ohnehin eher eine, na ja, nennen wir es leichte depressive Phase. Also habe ich das gemacht, was ich in solchen Momenten oft mache: Ich habe meine Gedanken aufgeschrieben. Und ich zeige euch auch das Bild, eines von nur fünf Fotos, die von Silke geblieben sind. Fünf Bilder von einem kleinen Mädchen, das nun schon seit 56 Jahren nicht mehr da ist.

Es gibt Menschen, die einem fehlen, obwohl man sich nicht an sie erinnern kann.
Meine Schwester Silke ist so ein Mensch.
Sie durfte gerade einmal fünf Jahre alt werden.
Ich selbst war ungefähr ein Jahr alt, als sie für immer gegangen ist. Zu klein, um Erinnerungen an sie behalten zu können. Zu klein, um zu verstehen, warum plötzlich jemand nicht mehr da war.
Sie wurde direkt vor unserer Haustür überfahren.
Ein paar Meter.
Ein Augenblick.
Eine Sekunde.
Mehr braucht das Leben manchmal nicht, um aus einem ganz normalen Tag einen Tag zu machen, nach dem nichts mehr so ist wie vorher.
Ein Kind geht aus dem Haus.
Vielleicht hat es noch etwas gesagt.
Vielleicht hat es gelacht.
Vielleicht hatte es irgendeinen vollkommen unwichtigen Gedanken im Kopf, wie Kinder ihn eben haben.
Und dann hört dieses Leben einfach auf.
Fünf Jahre.
Wenn man älter wird, begreift man erst, wie unvorstellbar wenig das ist.
Mit fünf hat man noch keine großen Pläne gemacht. Man denkt nicht darüber nach, was aus einem einmal werden soll. Man kennt keine Lebenskrisen, keine Rechnungen, keine Angst vor dem Alter.
Man möchte spielen.
Man möchte wissen, was es zum Abendessen gibt.
Man möchte vielleicht morgen wieder mit denselben Kindern draußen sein wie gestern.
Und man glaubt ganz selbstverständlich, dass es ein Morgen geben wird.
Von Silke ist mir nur eine Handvoll Fotos geblieben.
Papier.
Ein paar eingefrorene Sekunden aus einem Leben, das viel zu kurz war.
Ich schaue darauf und sehe meine Schwester.
Und gleichzeitig sehe ich eine Fremde.
Das klingt hart.
Aber wie soll man einen Menschen kennen, den man nie kennenlernen durfte?
Ich weiß nicht, wie ihre Stimme klang.
Ich weiß nicht, worüber sie lachen musste.
Ich weiß nicht, ob sie morgens schnell aus dem Bett sprang oder ob unsere Mutti sie dreimal rufen musste.
Ich weiß nicht, welches Essen sie mochte.
Ob sie manchmal trotzig war.
Ob sie Angst im Dunkeln hatte.
Ob sie mich als kleinen Bruder vielleicht genervt fand oder besonders liebhatte.
All diese kleinen Dinge, aus denen ein Mensch eigentlich besteht, sind verschwunden.
Geblieben sind Fotografien.
Und die Erinnerungen anderer.
Vor allem die meiner Mutti.
Ich habe sie manchmal dabei beobachtet, wie sie diese Bilder angesehen hat.
Noch Jahrzehnte später.
Sie musste nichts sagen.
Man konnte es in ihrem Gesicht sehen.
Es gibt Schmerzen, die werden nicht kleiner.
Man lernt nur, mit ihnen weiterzuleben.
Vielleicht wird irgendwann der Alltag wieder normal.
Man geht einkaufen.
Man kocht.
Man lacht wieder.
Man feiert Geburtstage.
Die Jahre vergehen.
Aber irgendwo im Inneren bleibt eine Tür offen.
Und dahinter steht immer noch dieses fünfjährige Kind.
Ich glaube nicht, dass meine Mutter diesen Verlust jemals überwunden hat.
Wie sollte sie auch?
Man kann einen verlorenen Schlüssel ersetzen.
Ein kaputtes Auto reparieren.
Ein Haus wieder aufbauen.
Aber wie ersetzt man ein Kind?
Gar nicht.
Vielleicht ist „überwunden“ deshalb ohnehin das falsche Wort.
Man überwindet einen Menschen nicht.
Man trägt ihn weiter.
Jahr für Jahr.
Erst ist die Erinnerung laut.
Später wird sie stiller.
Aber sie geht nicht fort.
Heute denke ich manchmal darüber nach, wie Silke wohl geworden wäre.
Welche Frau wäre aus diesem kleinen Mädchen geworden?
Hätte sie geheiratet?
Kinder bekommen?
Hätten wir uns verstanden?
Hätten wir uns gestritten?
Hätten wir heute gemeinsam über unsere Kindheit gesprochen?
Vielleicht hätte sie mir Dinge über unsere Familie erzählen können, die heute niemand mehr weiß.
Vielleicht wäre sie diejenige gewesen, die sich an etwas erinnert, das ich längst vergessen habe.
All diese Fragen haben keine Antwort.
Silkes Leben besteht für mich aus fünf Jahren Vergangenheit und einem ganzen Leben voller Möglichkeiten, die niemals stattfinden durften.
Das ist vielleicht das Grausamste daran.
Nicht nur ein Mensch stirbt.
Mit ihm verschwinden auch all die Tage, die noch hätten kommen sollen.
Geburtstage, die nie gefeiert wurden.
Gespräche, die nie geführt wurden.
Umarmungen, die niemand bekommen hat.
Ein ganzes Leben, das nur eine Möglichkeit geblieben ist.
Und trotzdem gehört Silke zu meiner Geschichte.
Vielleicht gerade deshalb.
Ich kann mich nicht an sie erinnern.
Aber ich kann mich daran erinnern, dass es sie gab.
Ich kann ihren Namen aussprechen.
Ich kann ihre Fotos anschauen.
Ich kann anderen von ihr erzählen.
Und vielleicht ist auch das eine Form von Erinnerung.
Nicht die Erinnerung an einen gemeinsam erlebten Augenblick.
Sondern die Entscheidung, einen Menschen nicht verschwinden zu lassen.
Manchmal frage ich mich, ob irgendwo noch etwas von diesem fünfjährigen Mädchen geblieben ist.
Mehr als ein paar Fotografien.
Mehr als ein Name.
Mehr als die Trauer meiner Mutter.
Ich weiß es nicht.
Aber ich möchte glauben, dass ein Mensch nicht nur so lange existiert, wie sein Herz schlägt.
Vielleicht existieren wir auch ein wenig in den Menschen weiter, die unseren Namen noch kennen.
Dann ist Silke noch da.
Ganz leise.
In einer Handvoll alter Fotos.
In den Augen meiner Mutter, wenn sie diese Bilder ansah.
Und heute auch in meinen Gedanken.
Eine Schwester, an die ich mich nicht erinnern kann.
Und die trotzdem niemals ganz vergessen sein wird.
Veröffentlicht mit Welako
Gracias por compartir tu itinerario. Siempre es útil ver cómo otros organizan sus viajes para tomar ideas.
Viajar solo o acompañado? Me pareció ver una historia interesante en cómo contaste el viaje. @greece-lover
Mucha gente habla de inspiración para escribir sus textos poéticos, pero yo siempre he creído que la "pluma se hace ligera" cuando al escritor lo asedian la tristeza, la depresión, la soledad, la melancolía... Esos sentimientos suelen presentarse cuando hay "algo" que nos incomoda internamente; y ese "algo" nos hace preguntarnos, en una especie de "desboblamiento del yo": ¿Valdrá la pena hacer lo que hago?
La vida suele sorprendernos. Ella "gira la ruleta" con una fuerza tan intensa que nos cambia la existencia por completo. Silke, tan niña, tan inocente, tan vivaz, ..., "se fue" cuando nadie lo esperaba. Pero no se fue del todo. Se quedó en una foto color sepia, con sus ojos de largas pestañas, que parecían preguntar: ¿Por qué?
Tu texto me estremeció. Seguro que la foto de Silke te ayudó a drenar un poco y a sentir que hay cosas que nadie puede controlar. Pero es momento de hacer como tu madre: "Deja la puerta entreabierta. No la cierres del todo, pues nadie se va para siempre, mientras lo recordemos". Un abrazo.